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Studienreise Niederlande 25.-28.10.2022 | Tag 1 & 2

Eingang Bibliothek

Ich hatte vom 25. bis 28. Oktober 2022 die Möglichkeit, an einer Studienreise in die Niederlande teilzunehmen, um dort besondere, zukunftsweisende Bibliotheken zu besuchen. Da ich erst seit knapp 1,5 Jahren im Bibliothekssektor tätig bin – ich arbeite als Social-Media- und Online-Redakteurin für die Münchner Stadtbibliothek – war es für mich die perfekte Gelegenheit, in kürzester Zeit mein Wissen über Bibliothekssysteme zu erweitern. Bevor ich aber meine Eindrücke und die meiner Mitreisenden teile, an dieser Stelle zunächst ein paar Informationen vorweg:

Wie wurde die Reise organisiert?
Die Reise wurde von BI-International und dem Goethe-Institut e.V organisiert und finanziell gefördert. Als Reiseleiter begleitete uns Marc de Lange der ekz benelux.

Wer war dabei?
Aus allen Bewerbungen wurden 20 Personen ausgewählt, die im deutschen Bibliotheksbereich arbeiten.

Wie lief die Reise ab?
Wir haben innerhalb von 4 Tagen 9 Bibliotheken (8 öffentliche und eine wissenschaftliche) besucht. Unterbringung und Transfer zwischen den verschiedenen Orten wurden zentral für alle Teilnehmenden organisiert.

Von Arnhem nach Gouda

Rozet, Arnhem

Los ging unsere Reise in gemütlichem Tempo mit einer Führung durch das Kulturzentrum Rozet, einem Stadtrundgang durch Arnhem und einem anschließenden gemeinsamen Abendessen im Momento Restaurant im Rozet. Da es im Vorfeld bereits ein kurzes digitales Kennenlerntreffen gegeben hatte, ergaben sich schnell Gelegenheiten, mit den anderen in der Gruppe ins Gespräch zu kommen, Kontakte zu knüpfen und sich über die ersten Eindrücke auszutauschen. Gesprächsbedarf gab es reichlich, denn schon die erste Bibliothek wartete mit einigen Überraschungen und Besonderheiten auf: Mit Rollschuhen ins Gebäude? Klar, kein Problem. Rutschbahn im Kinderbereich? Sicher, warum nicht? Essen in der Bibliothek? Nicht nur das, dank des offenen Raumkonzepts kann man sich frei zwischen Café, Restaurant und Bibliothek hin- und herbewegen.

Für mich war das Rozet einer der Höhepunkte der Reise. Hier ist ein Ort geschaffen worden, der einen sofort willkommen heißt. Unzählige (kulturelle) Angebote – Medien, Leseecken, Lernplätze, Museum, Kunst, Musik, Kino, Café…  – sind ineinander verschachtelt und so miteinander verbunden, dass alles und jeder einen Platz findet, ohne dass es zu voll oder chaotisch wirkt. Die so entstandene  Wohlfühlatmosphäre konnten auch wir beim Abendessen auskosten und hätte man uns gelassen, wären wir vermutlich die halbe Nacht durch die Räume gestreift.

DePetrus, Vught

Die erste Station am nächsten Morgen war die ehemalige Petruskirche in Vught. Wer noch nicht ganz ausgeschlafen war, wurde spätestens beim Anblick des Bauwerks schlagartig wach. DePetrus ist eines der vielen Beispiele, die wir in den nächsten Tagen noch sehen sollten, wie ein Ort, der ursprünglich eine völlig andere Aufgabe hatte, zu einem multifunktionalen Kulturzentrum und Aufenthaltsort umgestaltet wurde.

Begeisterung löste bei uns die harmonische Kombination von altem, wieder hergerichtetem Baubestand und modernen Elementen aus. Aus alten Beichtstühlen wurden z.B. Arbeitsplätze.

Für viele ungewohnt und somit umso interessanter – die gemeinsame Nutzung des Raums und die damit verbundene enge Zusammenarbeit der Mitarbeitenden. Der ehemalige Kirchenraum ist nicht nur Bibliothek, er ist auch Ausstellungsfläche und bietet Platz für einen Laden und ein Café. Mobile Regale ermöglichen es außerdem den Raum schnell für größere Veranstaltungen herzurichten.

„Als großer Fan der niederländischen Bibliothekswelt habe ich mich sehr über die Teilnahme an der Studienreise gefreut. Wie bekommt man bessere Einblicke in die Philosophie der Bibliotheken eines Landes als über so eine Möglichkeit?! Mit Bildern von Aat Vos im Kopf habe ich natürlich hohe Erwartungen mitgebracht.

Schon unser erster Besuch in der Rozet Bibliothek in Arnheim hat mich sehr überwältigt. Medien, Natur, Kunst, Theater und Restaurant in einem faszinierenden Gebäude – nicht co-existierend, sondern ineinander vereint – das habe ich so in Deutschland noch nicht erlebt! Ebenfalls die vielen jungen Leute in den öffentlichen Bibliotheken in Tilburg, Gouda und Arnheim. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass Bibliotheken in den Niederlanden sich in erster Linie am Bedarf der Bevölkerung orientieren und stark von der Community mitgetragen werden. Sie sind charmante Orte zum Experimentieren, Studieren, Treffen und einfach nur Sein für Jung und Alt. Auch werden vielerorts historische Gebäude neu interpretiert und in einem Mix aus neuster Technologie und alten Werten für alle Altersgruppen zu einem Ort mit hoher Aufenthaltsqualität geschaffen! In der Petrus Kirche in Vught (mein Favorit für Tag 2) ist dies besonders gut gelungen!

Die besuchten Einrichtungen haben uns in vier Tagen lebendig gezeigt, wie man für Bibliotheken begeistern kann! Viele Inspirationen nehme ich mit und auch die Tatsache, dass es z.B. mit den kreativen Denkern und Machern aus der Agentur „Ministerium für Vorstellungskraft“ noch viele weitere spannende niederländische Bibliotheksansätze gibt!

Mein Fazit der Reise: Wenn Öffentliche Bibliotheken in Deutschland echte Dritte Orte werden wollen, müssen sie sich am Geist der niederländischen Bibliotheken orientieren!“

– Sandra Rudolph (Beraterin Kinder- und Jugendbibliothek, Sächsische Landesfachstelle für Bibliotheken)

Bloß keine kostbare Zeit verschwenden! Während des Bustransfers wurden wir von Rob Bruijnzeels (Ministerie van Verbeelding) mit Hintergrundinformationen zum niederländischen Bibliothekssystem versorgt. Eine tolle Ergänzung zu unseren eigenen Beobachtungen, die an vielen Stellen geholfen hat, die Konzeption und Arbeitsweise der Bibliotheken besser zu verstehen und einzuordnen.

LocHal, Tilburg

Jetzt ja schön zusammenbleiben! Wer die Gruppe verliert, irrt womöglich auf ewig in der LocHal umher. Gut, das mag etwas übertrieben sein, aber die Ausmaße der Halle flößen Respekt ein. Dort, wo früher an Lokomotiven geschraubt wurde, befindet sich heute ein gigantischer Abenteuerspielplatz für Bibliothekar*innen und Bibliotheksnutzende gleichermaßen, auf dem man schonmal vor lauter Schauen und Staunen die Orientierung verlieren kann. Obwohl ein solches Riesenprojekt für die allermeisten Bibliotheken völlig überdimensioniert und nicht umsetzbar ist, war es schön zu sehen, dass hier jeder Inspiration und Ideen für sich mitnehmen konnte. Die große Menge an Angeboten, die teilweise unkonventionelle Gestaltung und die Unterteilung in viele kleinere Teilbereiche, boten allen Anknüpfungspunkte, die sich auch auf kleine Projekte übertragen lassen.

„Die Chance hinter die Kulissen herausragender Bibliotheksprojekte schauen zu können und dort den Alltag zu sehen, ist durch nichts zu ersetzen. Besonders beeindruckt hat mich die Experimentierfreude und die Offenheit, auch andere Betätigungsfelder und Berufsgruppen zu integrieren bzw. mit ihnen Bibliotheken als Kultureinrichtungen weiterzuentwickeln, ohne den Bezug zu Buch und Medien zu verlieren. Die Lochal in Tilburg hat mich total geflasht: Essen, Arbeiten, Austausch, Ruhe, Inspiration – alles zusammen unter einem großen Dach.
Eine ganz konkrete Idee nehme ich nicht mit zurück – dafür aber einen offenen, durchgepusteten Geist.“

– Petra Göhring

Chocoladefabriek, Gouda

Auf groß folgt klein, auf imposant folgt reduziert. Unser letztes Ziel an diesem Nachmittag ist die Chocoladefabriek in Gouda. Wer die Bibliothek betritt, käme nicht auf die Idee, dass es sich bei der robusten Inneneinrichtung nicht nur um eine bewusste, zum Fabrikcharme passende Designentscheidung handelt, sondern quasi um eine „Low-Budget-Notlösung“. Da die ursprünglichen Pläne für die Bibliothek aus Kostengründen nicht umgesetzt werden konnten, musste umdisponiert werden. Um mehr Institutionen auf kleinerem Raum unterzubringen, war bei Aufteilung und Einrichtung Improvisationstalent gefragt. Der Aufwand hat sich gelohnt – wir waren vom Einfallsreichtum wie vom Endergebnis sehr positiv angetan. Das Konzept der Chocoladefabriek ist auf jeden eine tolle Motivation für alle, die nur über ein kleines Budget verfügen. Umgestaltung muss nicht automatisch mit einem exorbitanten Preisschild einhergehen.

„Ich bin Leiterin der Stadtbibliothek Konz, eine mittelgroße Bibliothek einer Stadt mit 20.000 Einwohnern und einem Einzugsgebiet von 35.000 Einwohnern. Die Bibliothek wird in nächster Zeit umziehen in ein Mietobjekt und sich dort ganz neu aufstellen. Ziel ist es, als Wohnzimmer der Stadt einen Dritten Ort zu etablieren und eine Open Library einzurichten. Eine Konzeption hierzu wurde bereits mit professioneller Unterstützung von Coach Sonja Bluhm erstellt. Da es bei der Neukonzeption natürlich immer um die Finanzierung geht, war die Schokoladenfabrik für mich ein schönes Beispiel, wie man evtl. bei der Inneneinrichtung sparsam und dennoch effektiv vorgehen kann.“

– Elisabeth Kurzmann (Stadtbibliothek Konz)

„Die Stadtbücherei Idstein hat mit Hilfe der Hessischen Fachstelle und der Referentin Sonja Bluhm ein Büchereikonzept entwickelt. Daraus hat sich u.a. ergeben, dass neue und vor allem größere Räumlichkeiten für die Stadtbücherei gesucht werden.

Ich habe mich für diese Studienreise beworben um Inspirationen sowohl für den neuen Standort als auch allgemein für eine modernere Bibliotheksarbeit zu bekommen.

Besonders interessant fand ich die Aussagen von Rob Bruijnzeels, Mitglied des „Ministeriums der Vorstellungskraft“, einem Designkollektiv mit Architekten und Bibliothekaren: Jeder Nutzer einer Bibliothek ist selbst Bibliothekar – er baut den Bestand und die Angebote nach seinen Interessen mit auf. Nach seiner Auffassung sind Bibliotheken Orte der Inspiration und der Schöpfung, durch Bereitstellung von Medien und dem öffentlichen Raum “ Bibliothek“ in dem man voneinander lernen und partizipieren kann. Diesen Raum kann jeder kostenfrei nutzen.

Dieses Konzept war in der Chocoladefabriek in Gouda gut umgesetzt: Hier gibt es neben Lernorten eine Druckerei, einen „VR-Space“ und eine Technikwerkstatt mit Lego und Werkzeugen. Demnächst kommt der Roboter Temi neu zum Einsatz, der den Besuchern der Bibliothek u.a. bei der ersten Orientierung behilflich ist, sogar Einbrecher filmen und dann mit der Polizei telefonieren kann.

Die Idee einer offenen Bibliothek mit einzelnen, thematisch unterschiedlich genutzten Räumen sowie die niederländische Bibliotheksphilosophie nehme ich mit nach Idstein und versuche, es im kleinen Rahmen umzusetzen.“

– Claudia Jaeger (Stadtbücherei Idstein)

Während einige eher das große Ganze und das Gesamtkonzept im Blick hatten, waren es bei anderen sehr konkrete Details, die ihre Aufmerksamkeit zu fesseln wussten.

„Ich arbeite in der Bibliothekszentrale der FH Südwestfalen in Hagen, wo ich im Team Elektronische Dienste und Informationsvermittlung tätig bin. Das Ziel meiner Studienreise war es, etwas mehr über die personalfreien Öffnungszeiten und den Umgang damit zu erfahren. In diesem Rahmen hatte ich die Möglichkeit, im VR-Space der Schokoladenfabrik in Gouda, Temi kennenzulernen. Der humanoide Roboter Temi kann sehen, hören und sprechen. Daher sind die Einsatzmöglichkeiten von Temi vielseitig. Als unterstützende Kraft kann er als Stellvertreter des Bibliothekspersonals interagieren, mit dem Ziel Informationen über die Bibliothek und ihre Services bereitzustellen und Orientierung zu geben. Für komplexere Sachverhalte ist sogar eine direkte Verbindung über den eingebauten Bildschirm mit einer realen Fachkraft möglich, die gerade vor Ort aus unterschiedlichen Gründen nicht präsent sein kann. Obwohl sich einige vor Robotern fürchten, finde ich es persönlich sehr faszinierend und würde sogar eine Anschaffung anstoßen. Dies könnte dazu beitragen, die Bibliothek als eine Institution der Zukunft zu etablieren und so die Besucherzahlen erhöhen.“

– Vlatko Momirovski (FH Südwestfalen, Hagen)

Zeit für eine erste kleine Zwischenbilanz – was haben wir schon alles gesehen? Was stach besonders hervor? Was bleibt im Kopf?
So viele Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden, aber allzuviel Zeit blieb dafür nicht, denn an Tag 3 warteten ja bereits die nächsten spannenden Bibliotheken…

„Wie beeindruckend können Bibliotheken sein! Neben der überwältigenden Bibliothek Lokhal in Tilburg und der spannenden Neunutzung der ehemals katholischen Petruskirche in Vught haben mich aber die Bibliotheken in Arnhem und Gouda begeistert. Ich mochte den Stil von modern und bodenständig. Bei beiden Bibliotheken ist viel mit Holz gearbeitet worden, aber moderne Elemente (Kunst in Arnhem) und pragmatische (und oft auch kostengünstige) Lösungen in Gouda sind in die Gestaltung der Inneneinrichtung mit eingeflossen. Besonders hervorzuheben ist zudem die eindeutige Erkennbarkeit als Bibliothek, die aber durch die Kooperation mit anderen Institutionen und die innovative Raumgestaltung einen ganz neuen wunderbaren Drive bekommt. Diese Bodenständigkeit kombiniert mit „Out of the box“-Ideen wird mich weiter beschäftigen.“

– Mareike Born (Stadtbibliothek Hanau)

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